mit Ulrich Irnich & Markus Kuckertz
Shownotes
In Folge 84 des Digital Pacemaker Podcasts sprechen Markus Kuckertz und Ulrich Irnich mit Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg darüber, wie eine menschenzentrierte Zukunft mit Künstlicher Intelligenz gelingen kann. Im Fokus stehen verantwortungsvolle KI-Strategien, mentale Gesundheit als Führungsressource und die Rolle von Impact-Unternehmertum. Die Episode zeigt, warum technologische Exzellenz allein nicht reicht – und wie Future Mindset, mentale Agilität und Nachhaltigkeit zu zentralen Erfolgsfaktoren für Führungskräfte werden.
Vernetzt Euch und diskutiert mit:
- Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg: https://www.linkedin.com/in/anabelternes/
- Ulrich Irnich: https://www.linkedin.com/in/ulrichirnich/
- Markus Kuckertz: https://www.linkedin.com/in/markuskuckertz/
© Digital Pacemaker Podcast 2026
Zusammenfassung
In dieser Episode des Digital Pacemaker Podcasts spreche ich mit Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg, einer renommierten Zukunftsforscherin, Psychologin und Expertin für nachhaltige Digitalisierung. Wir beginnen unser Gespräch mit den grundlegenden Prinzipien der Agilität und Veränderung. Anabel teilt persönliche Einblicke aus ihrer Kindheit, die ihr gezeigt haben, dass kleine Schritte in Richtung Veränderung großen Einfluss haben können. Sie betont, dass Agilität kein angeborenes Talent ist, sondern ein Zustand, den man erlernen und trainieren kann. Diese Erkenntnis wird durch die wiederholte Feststellung untermauert, dass unser Kopf und unser Herz größer sind als unsere Ängste.
Ein zentrales Thema des Gesprächs ist die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Zukunft. Anabel argumentiert, dass die wahre Herausforderung nicht in der Geschwindigkeit der Technologie, sondern in der Fähigkeit liegt, Innovationen verantwortungsvoll zu gestalten. KI kann als Chancentreiber fungieren, aber nur, wenn ökologische und soziale Auswirkungen integraler Bestandteil der digitalen Strategien sind. Besonders spannend ist ihre Perspektive auf mentale Gesundheit in einer sich schnell verändernden Welt. Anabel hebt hervor, wie wichtig Resilienz und eine positive Selbstführung sind, um in Zeiten von Unsicherheit und Komplexität leistungsfähig zu bleiben.
Im Laufe des Gesprächs diskutieren wir auch das Thema der unternehmerischen Verantwortung. Anabel glaubt, dass impact-orientiertes Gründen der Schlüssel zur bewussten Gestaltung der Zukunft ist. Es ist entscheidend, Technologien mit ökologischen und sozialen Initiativen zu verbinden, um wirkliche Innovationen zu schaffen, die der Gesellschaft einen echten Nutzen bieten. Mit Bezug auf die aktuellen Herausforderungen in Unternehmen sowie der breiteren Gesellschaft spricht sie sich für mehr Mut, Offenheit und kreative Lösungsansätze aus, um einer möglichen Lähmung durch ständige Veränderungen entgegenzuwirken.
Wir wenden uns zudem der Frage zu, wie Unternehmen eine Kultur der mentalen Agilität fördern können. Anabel betont die Notwendigkeit von Räumen, in denen Mitarbeiter Fehler machen dürfen und aus diesen Erfahrungen lernen können. Die Erschaffung einer positiven Fehlerkultur spielt eine zentrale Rolle in der weiteren Entwicklung eines Unternehmens sowie in der Steigerung des Mitarbeiterengagements.
Zusammenfassend bietet diese Episode wertvolle Einblicke und praktische Tipps, wie jeder Einzelne und jedes Unternehmen sich auf die Herausforderungen der digitalen Zukunft vorbereiten kann. Ich hoffe, dass die Hörer inspiriert werden, Verantwortung zu übernehmen und aktiv an der Gestaltung einer besseren, nachhaltigeren Zukunft teilzunehmen.
Transkript
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[0:00] Wenn ich kleine Schritte gehe der Veränderung und selber einen Systemwandel
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[0:04] einleite, dann verändert sich ganz viel. Und dieses Gefühl habe ich als Kind gehabt, nicht in dem, was meine Familie darstellte, denn da kam ich nicht raus. Da wusste ich, ich muss da drin bleiben, bis ich 18 bin. Aber in ganz vielen Dingen um mich herum konnte ich es tun. Und überall dort, wo ich es tun konnte, habe ich das getan. Und ich habe früh gelernt, Agilität ist kein Talent, sondern ein Trainingszustand. Und jedes Mal, wenn ich dachte, das ist zu viel, das kriege ich nicht hin oder da komme ich vielleicht dann doch nicht raus, habe ich immer entdeckt, mein Kopf und mein Herz, die sind größer als meine Angst. Und genau das habe ich gemerkt, ist meine mentale Agilität, nicht schneller zu denken, sondern mutiger zu fühlen.
Ulrich Irnich:[0:59] Herzlich willkommen zum Digital Pacemaker Podcast. Lieber Uli, ich begrüße dich.
Markus Kuckertz:[1:03] Lieber Markus, es ist ein fantastischer Tag. Die Sonne scheint, der Nebel über Zürich liegt, aber sonst ist alles super.
Ulrich Irnich:[1:11] Ja, und es ist 8.23 Uhr am Morgen. Ich glaube, so früh haben wir noch nie aufgenommen, oder?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[1:15] Nein, ihr seht aber gut aus.
Ulrich Irnich:[1:18] Dankeschön. Selbst um diese Zeit geht es schon gut los. Unser heutiger Gast ist Prof. Dr. Annabelle Ternes von Hartburg, Zukunftsforscherin, Psychologin, Ökotrophologin und Expertin für nachhaltige Digitalisierung. Sie ist geschäftsführende Direktorin des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement an der SRH Berlin, Professorin für internationale Betriebswirtschaftslehre und mehrfach gründende Unternehmerin sowie Autorin zahlreicher Bücher zu Zukunft, Führung und Nachhaltigkeit. Liebe Annabelle, herzlich willkommen im Digital Pacemaker Podcast.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[1:49] Hallo, ich freue mich sehr, lieber Markus, über die Einführung.
Ulrich Irnich:[1:52] Wir haben uns natürlich mit dir beschäftigt und haben uns einmal ein paar Themen
Ulrich Irnich:[1:57] ausgewählt aus der Vielzahl der Dinge, mit denen du dich beschäftigst. Und zwar wollen wir sprechen über Zukunftsforschung und KI. Die Zukunft von KI und Digitalisierung entscheidet sich nicht an der Geschwindigkeit der Technologie, sondern daran, ob wir es schaffen, Innovationen verantwortungsvoll, nachhaltig und menschenzentriert zu gestalten. KI ist für Annabelle ein Chancentreiber, aber nur, wenn ökologische und soziale Wirkung integraler Teil der digitalen Strategie wird. Dann wollen wir sprechen über mentale Gesundheit. In einer Welt radikalen Wandels
Ulrich Irnich:[2:28] wird mentale Gesundheit zur Schlüsselressource. Nur wer Resilienz, Selbstführung und ein Future-Mindset entwickelt, kann sinnvoll führen und dauerhaft leistungsfähig bleiben. Digitalisierung und Komplexität erfordern kein Mehr an Stress, sondern ein Mehr an Bewusstheit.
Ulrich Irnich:[2:43] Und zu guter Letzt über Gründung und Verantwortung. Impact-orientiertes Gründen zeigt, wie Zukunft bewusst gestaltet werden kann. Es verbindet Technologie, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung zu Innovationen, die echten Nutzen stiftet. Für Annabelle ist Unternehmertum ein Hebel, um digitale Transformation und Nachhaltigkeit zusammenzubringen. Lieber Uli, da sind einige Dinge dabei, von denen ich weiß, allein schon von Wort her, dass du da auch eine ganze Menge drüber weißt und es sich beschäftigt. Und vor allem finde ich das Wort Future Mindset ist etwas, was ich mit dir in Verbindung bringe. Was ist denn für dich ein Future Mindset und gibt es eine Eigenschaft, ohne die du glaubst, dass man in der nächsten Dekade nicht leistungsfähig führen kann?
Markus Kuckertz:[3:23] Also erstmal vielen lieben Dank und ich bin super, super glücklich, dass Annabelle heute hier bei uns ist. Also Future Mindset, das hängt ja so ein bisschen auch mit Growth Mindset zusammen, also zu sagen, wie erkenne ich Opportunitäten, wie schaffe ich Opportunitäten und wie komme ich so ein bisschen aus meinem starren Denken, also dem Fixed Mindset raus, das eigentlich ja eher nur auf Bewahren und auf Sicherheit gepolt ist. Das haben wir Gott sei Dank alles beides in unseren Köpfen. Aber ich kann schon selber entscheiden, was treibe ich im Moment gerade ein Stück mehr in der Einstellung. Und gerade in der Phase, in der wir uns jetzt gerade befinden und da haben wir gestern intensiv darüber gesprochen auf diesem IT Leaders Night, das ist so ein Injection Point. Weil das, was gerade im Moment mit generativer KI, KI, autonomes KI, agentic KI passiert, ist halt ein übergreifendes Phänomen, das für alle Industrien gilt. Das ist nicht nur in einer Industrie, was da gerade passiert, sondern das ist ein Injection Point, der über alles stattfindet. Und da braucht es im Prinzip auch Courage, sich damit auseinanderzusetzen, das nach vorne zu treiben und halt auch zu experimentieren, weil eins ist klar.
Markus Kuckertz:[4:38] Vor drei Jahren haben wir ChatGPT nicht kommen sehen und es war dann irgendwie überraschend für uns alle und wir müssen halt auch damit lernen und ich bin ein großer Freund davon zu sagen und das hat ein bisschen auch mit Future Mindset zu tun, diese Möglichkeiten, die wir haben, das Lernen wir am eigenen Körper, schafft Produktivität. Also ich sage mal, all meine Dinge, die ich sonst so manuell lange gemacht habe, Kundenbesuch vorbereiten, alle Informationen zusammentragen, meine Präsentationen zu machen, kannst du mittlerweile alles über KI machen. Also du kriegst viele Helferlein, die dir das schaffen. Das führt aber auch dazu, dass du logischerweise dein Nutzerverhalten total veränderst. Früher sind wir irgendwie auf Google gegangen, haben mal gesucht. Heute ist dein Companion, sei es jetzt Chat, Chibinti oder Bart oder was auch immer, wo du halt deine erste Frage reinstellt, was so dein kleines Tamagotchi ist und dich schon ein bisschen reinführe. Aber das führt halt dazu, dass das Nutzerverhalten und dieses User-Interface, was wir bisher so hatten, sich komplett auf den Kopf stellt. Und das heißt auch, all diese Business-Prozesse, die wir mal vor Jahrzehnten aufgebaut haben, sind auch alle in einer Neugestaltung. Und ich finde, so eine Phrase…
Markus Kuckertz:[5:53] Reflektiert das ziemlich gut, wenn du dir immer fragst, what if, ja, also wenn du mit den Möglichkeiten, die wir jetzt heute haben, ein Unternehmen neu aufbaust, würdest du das wahrscheinlich komplett anders aufbauen, als du das vor fünf Jahren oder vor zehn Jahren gemacht hättest, ja, und das heißt halt, das braucht halt genau dieses Future Mindset und deswegen bin ich total glücklich, liebe Annabelle, dass du da bist und jetzt habe ich auch direkt mal, damit ich hier nicht in meinen Monolog verfalle,
Markus Kuckertz:[6:19] die Frage so ein Stück weit an dich, Annabelle, Du sprichst über Future Mindset und mentale Agilität. Das sind übrigens zwei Dinge, die mich sehr stark ansprechen. Was hat denn in deinem eigenen Leben den größten Einfluss darauf gehabt, wie du heute mit Wandel und Komplexität umgehst?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[6:35] Ich glaube, das ist so eine Sache, die mich seit meiner Kindheit stark geprägt hat. Denn ich bin mit Veränderung aufgewachsen. Leistungssport, Konzerte, Stipendienprogramme, dann später einige parallel laufende Studiengänge, soziales Engagement weltweit, wo ich etwas aufgebaut habe, wo ich dachte, ich möchte einen Unterschied machen. Kampagnen mit Varys Theory, mit Greenpeace, wo ich auch gesehen habe, wenn ich kleine Schritte gehe der Veränderung und selber einen Systemwandel einleite, dann verändert sich ganz viel. Und dieses Gefühl habe ich als Kind gehabt, nicht in dem, was meine Familie darstellte, denn da kam ich nicht raus. Da wusste ich, ich muss da drin bleiben, bis ich 18 bin. Aber in ganz vielen Dingen um mich herum konnte ich es tun. Und überall dort, wo ich es tun konnte, habe ich das getan. Und ich habe früh gelernt, Agilität ist kein Talent, sondern ein Trainingszustand. Und jedes Mal, wenn ich dachte, das ist zu viel, das kriege ich nicht hin oder da komme ich vielleicht dann doch nicht raus, habe ich immer entdeckt, mein Kopf und mein Herz, die sind größer als meine Angst.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[7:39] Und genau das habe ich gemerkt, ist meine mentale Agilität, nicht schneller zu denken, sondern mutiger zu fühlen. Es gibt jemand, der hat mal gesagt, Annabelle, wenn du nur noch aus einem C bestehen würdest, dieser C, der würde total kreativ sein, wo er hingeht und er würde so lange gehen, bis er da ankommt, wo sein Ziel ist. Und ich kenne zum Beispiel auch nicht, ich kenne Fehler und ich finde sie toll, weil sie mir zeigen, wo ich dran arbeiten darf. Und ich bin eine Lernende. Meine Mutter sagte letztens noch, Kind, wann hörst du denn endlich mal auf zu lernen? Das ist ja schrecklich mit dir. Dann habe ich gesagt, na vermutlich, wenn ich einfach mich nicht mehr bewegen kann und nicht mehr lernen kann. Also so einfach ist das Lernen. Das ist was Zauberhaftes, finde ich. Lernen macht agil. Neue Dinge kennenlernen. Ich bin jetzt zum Beispiel gerade dabei, mit Forschenden aus Stanford, wo ich immer zur Trophologie auch studiert habe, im Bereich Biomedizin zu arbeiten und zu forschen. Ich komme von der metallen Gesundheitsseite, die anderen kommen von Medizin, von Chemie. Also es sind ganz unterschiedliche Fachbereiche. Wir schreiben, publizieren zu Longevity, Longevity Mindset. Und es ist so faszinierend, weil im Kopf passiert so viel, wenn wir uns mit neuen Dingen beschäftigen. Und für mich war das als Kind die Möglichkeit, in andere Welten zu kommen, mir auszumalen, was wäre, wenn ich hier rauskäme.
Markus Kuckertz:[8:58] Ja, und das ist halt, das ist, das triggert gerade sowas bei mir, weil ich dann sage, okay, der Zukunftsmuskel muss halt auch trainiert werden. Du musst dich quasi damit auseinandersetzen und du musst dir halt auch vorstellen, wie kann die Zukunft aussehen, weil dann kannst du dich auch dahin gestalten. Nur wenn du immer nur auf das hier und jetzt und in die Vergangenheit guckst, gestaltest du halt keine Zukunft. Und ich bin 100% bei dir, genau wie Agilität eine Form ist, die ich lernen kann, auf die ich mich einlassen kann, wo ich natürlich auch manchmal anecke und wieder mich selber anpasse, finde ich, ist gerade dieser Moment, in dem wir heute sind, wo wir so viele neue Dinge entdecken, die die Zukunft besser gestalten kann, wo wir halt Technologie für die Menschheit nutzen können, ja, Und da braucht es halt auch dieses kollektive Lernen. Und ich finde immer, du lernst in dieser Phase besser, wenn du experimentell lernst. Also das heißt, ausprobierst, fällst, wieder aufstehst, Dinge machst, anpasst, guckst, wie die anderen das machen und von denen halt wieder lernen. Und das ist halt eine Fähigkeit, die uns Menschen halt total auszeichnet.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[10:01] Ja, und Uli, weißt du, ich meine, ich habe damals meine Doktorarbeit geschrieben zum Thema Text als Spiel. Ich hatte sie auch schreiben können zum Leben als Spiel. Denn wir haben häufig verlernt zu spielen. Wir denken, das ist etwas, was nur Kinder dürfen. Dabei spielen eins der wenigen Dinge, die uns helfen werden, wirklich eine lebenswerte Zukunft zu schaffen und uns als Menschen eben auch in ihrem Bestand weiterzuführen. Wenn wir es schaffen, dass wir mit Leichtigkeit, mit spielerischem, mit diesem offenen Denken auch rangehen, dass wir sagen, alles darf sein. Alles darf erst mal sein, alles gucke ich mir an, ich probiere einfach mal aus, ohne dass ich gleich irgendwie denke, huch, das darf ich nicht oder was sagen denn die anderen oder das könnte ganz schwer sein. Also diese ganzen Vorbehalte, Stereotypen, die ganzen Ideologisierungen, die wir irgendwie draufgesetzt haben, wo man sagt, warum? Warum machst du das? Warum machst du das Leben so schwer? Dabei geht es doch viel einfacher.
Ulrich Irnich:[10:59] Im Kontext der Zukunft diskutieren wir natürlich vor allem das Thema Künstliche Intelligenz. Von den meisten wird das momentan nicht nur als Halbthema, sondern als das Thema eigentlich besprochen.
Ulrich Irnich:[11:09] Ja, aus deiner Sicht, aus Sicht der Psychologie, was sind denn heute die wichtigsten Entscheidungen, die wir treffen müssen, damit künstliche Intelligenz ja wirklich menschenzentriert bleibt?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[11:19] Ja, das ist eine wichtige Frage, Markus, die du ansprichst. Und ich erlebe, und das möchte ich einmal vorschicken, ganz viel Angst und Ablehnung bei den jüngeren Generationen. Mehr als bei den älteren Generationen. Gerade so 20-, 25-Jährige sprechen mit mir und sagen, was können wir tun, um das Ganze aufzuhalten? Warum muss das immer weitergehen? Wer hat gesagt, dass es nur eine Richtung geht mit höher, schneller, weiter? Und ja, was müssen wir tun? Also zum einen müssen wir entscheiden. Wir dürfen uns nicht einfach treiben lassen und einfach nur sagen, naja, da ist ja was und mal gucken, wo es denn hingeht und ja, lassen wir uns mal mitnehmen. Nein, wir müssen entscheiden, wie viel Autonomie wir Maschinen geben. Das müssen wir entscheiden. Wir müssen entscheiden, wie viel Verantwortung wir beim Menschen belassen. Und wir müssen entscheiden, wie viel Transparenz wir politisch verpflichtend machen. Der größte Fehler wäre zu glauben, dass KI ein technisches, nicht ein humanistisches Projekt ist. Und wenn Daten die neue Währung sind, dann ist Vertrauen die neue Verfassung.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[12:34] Wir haben es verlernt, dass wir die Verantwortung für unsere Zukunft selbst übernehmen und zwar verantwortungsvoll. Wir haben uns häufig in kurze Wege geflüchtet und die Digitalisierung ist die, die uns die Möglichkeit gibt, dass wir das sehr einfach tun und unser Gewissen an der Pforte abgeben dabei. Wir haben heute die Möglichkeit, dass wir Drohnen abschießen an unserem Arbeitsplatz und 3000 Kilometer entfernt vernichten sie ganze Häuserblock. Und wir haben nicht das Gefühl, dass wir eine Schuld haben. Wir haben nicht mal das Gefühl, emotional einen Zugang dazu zu haben, weil erstens, es wurde uns gesagt, zweitens, das wird schon richtig sein und drittens ist es so weit entfernt, dass es mit unserem Lebenswert nichts mehr zu tun hat. Dieses, dieser Abstand, der unsere Emotionen abspaltet, der ist gefährlich. Und interessanterweise, wenn man mich fragt, sind es die Maschinen, die gefährlich sind? Nein, es sind nicht die Maschinen, es sind wir selber. Es sind wir selber und interessanterweise, und das finde ich, ist das Interessanteste dabei, wir selber bekommen den Spiegel vorgehalten. Wir bekommen plötzlich den Spiegel gehalten, wie gefährlich wir für uns selber sind, wie selbstvernichtend wir eigentlich sind. Das gab schon immer und war schon immer der Fall. Aber jetzt zeigt uns dieses Instrumentarium, dieses Bedingungs- und Gnadenlos.
Ulrich Irnich:[13:56] Was müsste man aus deiner Sicht tun, wenn du von Vertrauen in der Gesellschaft sprichst oder auch von Vertrauen in Bezug auf Künstliche Intelligenz? Sind da ethische Leitplanken notwendig oder was wären denn vielleicht so die Dinge, die man als Mensch oder als Gesellschaft da machen kann?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[14:11] Wir kennen das vielleicht von uns selber ja auch, dass wir das Internet oder viel mehr Dinge, die im Internet laufen, digital laufen, als guten Freund schnell betrachten. Vor allem, wenn das Ganze eben auch noch nutzerfreundlich mit lustigen Farben, Formen oder so irgendwie dargestellt wird und wir einen Zugang dazu haben, den wir zu uns selber nicht mal haben oder zu unseren Familienangehörigen. Dass wir ein Vertrauen schöpfen und zeigen, welches uns eigentlich eben eher kritisch machen sollte. Und wenn wir dann überlegen, was kann es denn sein, was braucht es denn, dann braucht es einfach ein Stück weit Ehrlichkeit wieder. Es braucht auch ein Stück weit wieder diesen großen Blick. Und wir haben diesen großen Blick häufig verloren. Warum? Weil wir natürlich durch die Krisen eben erstmal sagen, komm, lass uns irgendwie da durchkommen. Und Krisen sind nicht der Kreativitätstreiber und auch nicht der Treiber von Gelassenheit, Fröhlichkeit, große Visionen. Die brauchen wir aber wieder. Wir brauchen den Weg nach vorne. Und ich sehe es so häufig, ich war auch vor ein paar Tagen bei einer Führungsfrauenveranstaltung und da ging es, ja, wir müssen dagegen und da. Dann sage ich, wie viel Energie habt ihr denn? Ja, 100 Prozent. Ich sage, ja. Und wie viel Energie gebt ihr gerade in ein Dagegen rein?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[15:25] Viel. Ich sage, was ist denn eure Vision? Wie Vision? Ich sage, ja, was ist euer Bild? Ein Bild, das mit einem dagegen startet, ist keine Vision. Wir brauchen Bilder. Wir reden die ganze Zeit von Narrative, als wenn es das neue Amen ist der Kirche. Aber dabei brauchen wir Bilder. Wir brauchen ganz einfach Bilder. Unser Kopf muss mit Bildern gefüttert werden. Mit Bildern von der schönen Natur, von Menschen miteinander. KI ist ja kein Teufelszeug. Aber wir verstehen einfach nicht, dass wir es sind. Und wir, ganz einfach wir, die mit Verantwortung jetzt noch entscheiden können, wie wir es haben wollen und haben sollen. Und natürlich wird es immer die geben, die sich nicht dran halten, logischerweise. Die wird es immer geben. Aber wir, auch wir haben es in der Hand zu sagen, bis dahin und nicht weiter. Und ich glaube, wir haben vergessen, welche Möglichkeiten wir haben, statt einfach nur zu lassen und zu beschweren, mit Eitelkeiten unsere Wunden zu lecken.
Markus Kuckertz:[16:26] Ja, ich meine, gerade in unserer heutigen Welt, wo natürlich wir dauerbeschallt werden, ist es natürlich auch einfach, sich treiben zu lassen. Aber ich finde, genau wie du es sagst, es startet mit einer Vision und mit einem Purpose, also mit einem Sinn, den du verfolgen möchtest, dann kannst du halt auch bewegen. Und ich muss gerade ehrlich sagen, es fängt, also viele rufen ja dann, das muss alles die Politik machen, keine Ahnung was. Ich sage, erster Schritt fängt bei uns selber an, bei jedem Einzelnen. Ich sage, du kannst über alles motzen, über jede Meinung dir eine Meinung bilden, aber du musst es ausprobiert haben. Wenn du es nicht ausprobiert hast, ist die Meinung irrelevant. Dann ist das einfach eine Meinung, aber das ist nicht relevant. Und für mich ist entscheidend, was ich schon feststelle, ist, wir haben ein großes Learning Gap. Also bei vielen Menschen, die glauben, dass sie verstanden haben, wie irgendwas funktioniert, aber eigentlich weit weg davon sind, es verstanden zu haben. Und ich glaube, das ist schon so ein Thema, wo ich sage, wenn ich mich über KI schlau mache, dann sollte ich das einmal tun, mir ein Bild machen und dann die Zukunft malen, wie ich sie mir vorstelle, wie sie sein sollte. Und dann kann ich halt auch anfangen, genau in die Richtung zu treiben. Und je mehr ich Menschen habe, die genau so handeln, dann kommt Strom zusammen. Aber zu warten, das wird jetzt irgendjemand von außen regeln. Nee, das wird nicht so sein.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[17:54] Absolut. Diesmal wird es nicht so sein. Und wir haben die Möglichkeit, was zu tun. Aber wenn wir zum Beispiel in Bildungsorganisationen schauen, in Weiterbildungsorganisationen gucken, dann ist es erschreckend. Dann ist es absolut erschreckend. Ich meine, alleine hier, wo ich sitze, es sind Reihen, es sind Stuhl- und Tischreihen vor mir. Was ist das für eine Botschaft? Wir brauchen Kreise, wir brauchen Bewegung, wir brauchen Zugänge, nicht Barrieren. Wenn wir die Barrieren schon hier symbolhaft machen, dann müssen wir uns überhaupt nicht wundern, wenn wir sie auch im Kopf bekommen. Und wenn wir es nicht schaffen, Bildungssysteme, andere Räume zu gestalten, als wir es im 18. Jahrhundert getan haben, als wir es da getan haben, wo Soldaten rekrutiert wurden und horchen und tun, wie Maßgabe war, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Menschen extrem gut da drin sind, anderen zu zeigen, was diese nicht gut tun. Aber ein positives Bild zu haben, ihnen fehlt. Und wenn man sie dann fragt, dann sagen sie natürlich, ja, woher soll ich das denn wissen? Ich weiß doch nicht, was für Maschinen da sind. Aber das kann man doch alles selber gestalten. Die Leute haben das so häufig das Gefühl, als wenn sie irgendwie ein treibender Holzscheit im Fluss sind. Und ich finde es erschreckend, weil dieses eine Leben, das kann ich doch gestalten.
Ulrich Irnich:[19:23] Lass uns den Kontext vielleicht noch ein bisschen erweitern, um die Unternehmen. Viele Menschen sind gerade im Kontext von Künstlicher Intelligenz, ja, ich sage jetzt mal vor allem ärgerlich, nenne ich das jetzt mal, auf die Unternehmen, die eine große Rolle spielen. Und in dem Kontext, den wir gerade gesprochen haben, ja, was würdest du denn sagen, was unterscheidet denn Unternehmen, die KI erfolgreich implementieren, jetzt nicht nur für sich, sondern auch im Markt, im Kontext ihrer Produkte, von denen, die daran scheitern?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[19:52] Ja, ich glaube, dass es wichtig ist, dass Unternehmen eine Klarheit haben. Also sie müssen im Grunde wissen, was ist denn mein klares Problem? Also was soll denn KI lösen? Wo soll KI denn platziert werden, statt einer Technologie auf der Suche nach einem Zweck? Und letztendlich geht es ja um Datenqualität. Es geht nicht um Datenmassen. Ich habe letzte Tage mit jemandem gesprochen, der hat gesagt, hey, unser Startup wird das neue Unicorn. Wir haben solche Datenmassen. Dann habe ich gesagt, okay, aber was ist denn die Qualität dahinter? Also von wem stammen sie? Wie gruppiert er sie? Er sagt, das spielt jetzt gar keine Rolle.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[20:34] So, Spielverderber Annabelle, lass das doch mal. Du bist doch eigentlich auch so ein Techie. Also wie kannst du so eine Frage stellen? Denn ich sage mal, es geht ja gar nicht darum, dass wir alles wissen. Es geht darum, dass wir Leute haben, die alles lernen wollen. Es geht darum, dass wir neugierige Menschen haben. Es geht darum, dass wir Kulturwandel begreifen als etwas, was nicht einfach passiert, sondern was wir gestalten können. Und es geht darum, dass wir begreifen, dass KI-Projekte nicht am Stecker um Strom scheitern, Sondern die scheitern daran, dass einfach Menschen, Prozesse und die Politik in Unternehmen da sind. Wenn ich mir angucke, wie viel Politik in Unternehmen da ist. Und ich meine, das ist ja nicht, also seit ich rausgegangen bin aus dem Konzern, sehe ich das ja mit einer Brille von außen. Das ist nicht besser geworden. Es ist vielleicht anders geworden. Covid hat einiges geändert und ein bisschen Emotionen rausgenommen und ein bisschen mehr Scheu und Scham reingebracht. Aber wir haben einfach, wir haben ein Problem. Ich rede selten von Problemen. Ich bin ja Rheinländerin. Die reden eigentlich immer von Herausforderungen, Chancen und vom halbvollen Glas, dass man voll ist. Aber letztendlich müssen wir es, glaube ich, benennen, damit die Leute kapieren, wo es lang geht.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[21:45] Auch dieses, ja, tu doch nicht so, als wenn alles schlecht ist. Deutschland hat eine tolle Wirtschaft und ja, wir haben doch auch die Güte, Dichter, Denker und so weiter. Ja klar, hatten wir das alles, haben wir das alles. Aber sich auszuruhen und zu sagen, das wird schon kommen und wir kaufen mal was ein und die können das schon, diese Firma, die macht das schon und dann ist alles gut. Nein, es ist gar nichts gut. Es ist nichts gut und es wird nichts gut werden, sondern es wird richtig mies werden, wenn wir uns weiter auf unserem Hosenboden ausruhen und denken, es kommt schon alles. Klar, dann können wir in Frührente gehen und können das Ganze mit von draußen angucken und können dann vielleicht irgendwie das System noch bedienen, wenn wir die letzte Systemveränderung mitgemacht haben. Aber wie cool ist das denn mitzugestalten? Wie cool ist das denn, wenn wir die Chance haben, hier einfach ein bisschen mehr mitzudrehen? Und ich meine, Annabelle.
Markus Kuckertz:[22:30] Du sprichst mir da sehr aus dem Herzen, weil wir haben gute Wissenschaftler, wir haben gute Technologien, wir haben bei gewissen Dingen tatsächlich, also ich meine, KI ist ja jetzt nicht irgendwie so, als ob Konrad Zuse irgendwie in den Niederlanden geboren wäre oder sowas, sondern der kommt ja aus Deutschland. Und das andere Thema ist, wir haben große KI-Zentren, die sich mit Themen beschäftigen. Uns fehlt, und das ist so ein bisschen diese Courage, also dieses, lass uns mal ausprobieren, lass mal loslegen.
Markus Kuckertz:[23:01] Das war so ein bisschen bezeichnend, als es in den USA war. Da meinte der Taxifahrer zu mir, Uli, you know what? We are innovate, China is copying and you regulate. Dann sage ich, ja Leute, das mag so sein. Wir müssen mal wieder ein Stück weit in die Innovationsthemen mehr reinstecken und halt auch mutig vorausgehen, weil, wie du sagst Annabelle, wir können uns nicht auf den Lorbeeren von früher ausruhen. Die haben uns hierhin gebracht, wo wir heute sind. Aber wenn wir weiter nach vorne und auch die Bundesrepublik und Europa weiter nach vorne entwickeln wollen, dann müssen wir mutig und dann müssen wir Leute ermutigen auch, gewisse Dinge zu tun und einfach mal auszuprobieren. Ich meine nicht damit, dass wir jetzt ganz Deutschland verwetten. Das war jetzt nicht die Aussage, aber ich sage mal, wir haben bei so vielen Schlüsseltechnologien uns die Wurst vom Brot nehmen lassen und da muss ich ganz ehrlich sagen, das sollten wir bei den jetzigen Themen, gerade was Quantum Computing und so angeht, nicht nochmal tun lassen.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[24:03] Es ist wirklich, es ist genau wie du sagst, wir haben die Chance, wir haben alle Mittel da und trotzdem sind wir dabei, uns in die Warterolle zu setzen, unsere Wunden zu streicheln und uns zu überlegen, welche Probleme noch kommen können. Wir haben genug, ja, wir haben geschlafen, es sind andere Dinge priorisiert worden, wo wir im Ausland Dinge umgesetzt haben, dass Geld dahin geflossen ist, statt hier in die Infrastruktur und wir merken es und ganz Europa merkt es, dass Deutschland da geschlafen hat. Aber hallo, ich meine, wir schlafen jede Nacht und stehen am nächsten Morgen auf und sagen auch nicht, das war es jetzt, sondern wir wissen, dass der neue Tag neue Möglichkeiten bringt. Wir brauchen in Deutschland mehr dieses Gründerdenken wieder, mehr diese Zuversicht und weniger Regulative, weniger Bürokratie. Dabei sind wir dabei, diese Bürokratieschraube noch höher zu drehen und verlieren uns da drin. Das sehe ich wirklich als eine Gefahr.
Ulrich Irnich:[25:01] Und ja, in diesem Themenkreis steht natürlich auch gegenüber das Thema mentale Gesundheit. Viele fühlen sich durch Veränderungen oder auch eben so größeren Themen wie künstliche Intelligenz und was das eben mit der Gesellschaft und uns macht, auch überfordert. Ja, wenn wir über das Thema mentale Gesundheit sprechen, Annabelle, was hilft den Menschen deiner Erfahrung nach am meisten, wieder in Selbstwirksamkeit zu kommen im Rahmen dieser ganzen Veränderungen?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[25:25] Ja, ich glaube, im Rahmen dieser gesamten Veränderungen ist es einfach wichtig und das hat auch viel mit mentaler Gesundheit zu tun, ist vielleicht auch jetzt gerade so thematisch ein kleiner Brückenbauer.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[25:38] Wenn wir den Ethos angucken, ethische Leitplanken, also so diese Erklärbarkeit, Fairness oder auch Governance, das könnte Menschen helfen, da einfach auch stärker wieder Fuß zu fassen. Und letztendlich geht es ja darum, die mentale Gesundheit ist etwas, was sozusagen wie so ein fragiles Ich in uns ruht. Und die Digitalisierung beschleunigt eben nicht nur die Arbeit, sondern sie beschleunigt eben auch uns, also sozusagen unser, wenn man so möchte, unser Betriebssystem. Und auf der einen Seite gibt es natürlich dadurch keine oder ohne das gibt es keine Innovation, aber unser Motor ist nicht gemacht dafür, dass er immer weiter und immer weiter ohne Pause und insofern ist es eben auch klar, dass natürlich diese Erschöpfungssyndrome extrem steigen. Weltweit jährlich um etwa 25 Prozent. Und gleichzeitig natürlich auch die Komplexität. Komplexität ist etwas, was man nur im Grunde fassen kann, wenn man mit einem klaren Kopf dabei ist. Ein klarer Kopf braucht Richtung. Ein klarer Kopf braucht den Boden, die Sicherheit. Ein klarer Kopf braucht auch das Vertrauen, dass es einen da vorne gibt und ich nicht in den Nebel warte. Viele fühlen sich halt eben auch einfach durch die KI überfordert. Das ist eben einfach so der Punkt.
Ulrich Irnich:[27:01] Und im Kontext von Unternehmen, ja, du hast eben auch schon von mentaler Agilität gesprochen. Wie könnten Unternehmen denn besonders eine Kultur schaffen, die eben mentale Agilität eher fördert, statt die zu lähmen?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[27:14] Also wir brauchen auf der einen Seite, und das können Unternehmen natürlich mit einer Unternehmenskultur reinbringen, wir brauchen mehr Routinen, die Verlässlichkeit geben, wir brauchen mehr klare Ziele, die anwenden. Die klein genug sind, um sich diese zuzutrauen. Und wir brauchen Gemeinschaft, die Mut erzeugen und auch übertragen kann. Das heißt, wir brauchen auch diese Selbstwirksamkeit, dieses Gefühl, ich kann. Und diese Selbstwirksamkeit entsteht nicht durch das, was wir immer noch denken, durch Wissen. Sie entsteht eben durch kleine Fortschritte, durch kleine Siege, durch Erfahrungslernen. Das heißt, Unternehmen müssen gucken, dass sie Überforderung spüren.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[28:00] Überforderung muss als Führungsthema gesehen werden und darf nicht als ein Mitarbeitenden-Thema gesehen werden, so, ja, die dort schaffen das nicht. Nein, es ist ein Führungsthema. Und es geht auch darum, wir haben dieses Wellbeing in den letzten Jahren immer so ein bisschen durch die Gegengeistern gehabt, Aber es geht darum, um Räume zu schaffen, in denen man imperfekt sein darf, in denen man Fehler machen darf. Fehlerkultur ist etwas, was auch herumgeistert. Wir brauchen wirklich Räume, in denen dieser imperfekte Zustand auch sein darf und Lernen auch nicht die großen Big Bangs erschaffen muss, sondern die kleinen Mikro-Schritte eben zeigen darf. Also die kleinen Schritte für jeden, wo jeder eben mitgenommen werden muss. Wir sehen eben auch, Unternehmen leiden momentan aktuell unter sehr viel Unsicherheit, wobei das eine Sache ist, die auch viel mit Mentalem zu tun hat und Organisationen, die es schaffen. Jenseits von den Fakten, Zahlen und so weiter, eine Unternehmenskultur zu halten, zu schaffen, zu gestalten und weiterzuentwickeln, die immer einfach psychologische Sicherheit zeigt und den Mitarbeitenden gibt, die sind innovativer, haben weniger Fluktuation und haben absolut größere Teamleistung.
Markus Kuckertz:[29:19] Mental, Agilität hat ja so ein Stück weit, mental ist natürlich Kopf, Agilität ist Bewegung und Annabelle hat das so ein Stück weit beschrieben. Ich glaube, wir müssen rauskommen aus der Bubble, theoretisches Wissen eigentlich nur zu nutzen, sondern mit dem theoretischen Nutzen Dinge anzupacken, anzufassen, zu machen und diese kleinen Erfolge, aber ich sage mal, du kannst lesen und weißt, wie ein Fahrrad zu fahren. Ist. Und trotzdem kannst du es nicht.
Markus Kuckertz:[29:52] Und dieses Fahrradfahren, Lernen, funktioniert nur dann, wenn du die aufs Fahrrad setzt, anfängst Gleichgewicht zu halten und irgendwie zu fahren. Und dann fällt es auch ein paar Mal hin. Aber dieses experimentielle Lernen, nämlich zu sagen, ich habe die Erfahrung gemacht, ich weiß jetzt, wie es geht, das funktioniert genau bei den ganzen neuen Technologien so. Also ich muss, und das in einem gemeinschaftlichen Raum durchzuführen, schafft natürlich Erfolg und halt auch gemeinsame Emotionen auf dem Thema. Und das ist, also zumindest für mich ist das elementar, gerade was so mentale Stärke nachher angeht, weil du lernst halt in der Gemeinschaft gewisse Dinge, die du vielleicht selber nicht geschafft hast, zu realisieren. Und du schaffst ja damit auch so eine gewisse Schwarmintelligenz, weil du hast jetzt Wege ausprobiert, die sind nicht so mehr vorgeführt und gleichzeitig hast du
Markus Kuckertz:[30:45] Kolleginnen und Kollegen neben dir, die plötzlich einen anderen Weg gehen und du adaptierst automatisch und kommst halt zum Erfolg. Und diese kleinen Erfolge schaffen halt auch Selbstwertgefühl. Und Selbstwertgefühl ist ein großer Katalysator, was mentale Stärke angeht. Also wenn du jetzt permanent kleingemacht wirst, dann hilft das nicht, deine mentale Stärke nach oben zu bringen. Aber wenn du halt merkst, oh, das hat Erfolg und auch wenn ich jetzt mich mit dem Fahrrad hingelegt habe, aber beim nächsten Mal halte ich irgendwie 30 Sekunden lang länger das Fahrrad, dann hilft das quasi, meinen Erfolg zu stärken und halt auch logischerweise meine Sicherheit zu stärken. Und ich glaube, dass das, was ausgesprochen werden muss, wir sind in einer Permakrise und die wird nicht mehr gehen.
Markus Kuckertz:[31:31] Das ist egal, ob das Geopolitik ist, ob das neue Technologien sind. Wir müssen mit dem Fakt umgehen, dass diese Einschläge um uns herum einfach da sind. Und das zu wissen
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[31:44] Und das zu.
Markus Kuckertz:[31:44] Akzeptieren und einfach auszusprechen, das ist schon ein großer Weg, diese Unsicherheit wieder ein Stück runterzunehmen, weil du weißt, es wird immer irgendwas um dich passieren. Es gibt nicht diesen perfekten Raum, der dich in Watte einhüllt und sagt, guck mal, jetzt ist alles gut. Und ich glaube, alleine dieses Eingeständnis führt schon dazu, dass du ganz anders in die Zukunft gehst, weil du ganz einfach sagst, okay, ja, es ist nicht ideal, das wissen wir, aber wir wissen auch, es bleibt so. Und ich setze mich halt damit auseinander.
Ulrich Irnich:[32:15] Annabelle, wir wollten auch noch über das Thema Gründen sprechen. Du hast selber gegründet und beschäftigst dich mit Gründerinnen und Gründern. Und mich würde interessieren, wenn du heute mit Startups sprichst, was ist denn aus deiner Sicht der größte Irrtum über Unternehmertum, dem du heute bei Gründerinnen und Gründern begegnest?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[32:35] Ich schmunzle gerade so ein bisschen, weil ich mich an ein Gespräch erinnere, wo ich mit ein paar Jungs zusammenstand. Und dann habe ich so gesagt, hey Jungs, was denn eure Vision so von Gründen? Und ich habe dann irgendwie damit gerechnet, dass sie mir ein bisschen erzählen von dem, was sie denn so machen, also inhaltlich. Und dann kam, hey, ja, das wäre schon cool mit so einem Lambo und dann so durch die Gegend fahren. und der andere sagte, ja, ist aber auch cool, am Strand zu liegen und du weißt, hinter dir die Villa, das ist deine. Ich habe mir gedacht, okay, ich habe gesagt, ja, aber seid ihr denn gar nicht so getrieben von Engagement für euer Thema? Was macht ihr denn? Ja, wir haben da so bei einer Flasche Wein, haben wir da mal geguckt, was denn erfolgreich wird. Und wie erfolgreich seid ihr? Tja, typischer Fall von Blase. Also was ist der größte Irrtum? Ich glaube erstmal, dass Gründen dich irgendwie mit so einem Schnipp zum Milliardär macht. Und das bedeutet, dass du komplett sorgenfrei und beschäftigungsfrei irgendwo bist und dein Geld einfach genießen kannst. Auch das Gründen Freiheit schafft.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[33:42] Ja klar, hat Gründen auch was mit Freiheit zu tun, aber erst kommt die Verantwortung. Freiheit schafft Verantwortung, also Gründen schafft Verantwortung und zwar für Menschen, für Geld, für Wirken und auch für Sinn. Aber genau das macht das ja großartig. Also für mich ist auch Unternehmertum die einzige Rolle, in der man Ideen in Realität verwandeln darf und sich die Mitspieler und Mitspielerinnen selbst dazu holen darf. Ist das nicht großartig? Ich meine, im Unternehmen kommst du häufig in eine Situation, da ist jemand da drüber, da ist jemand da drunter. Dann kommt noch, den musst du auch noch mitnehmen und da musst du irgendwie gucken, der ist ein bisschen schwierig und so und das kriegst du schon hin. Aber beim Gründen zu gucken, von scratch on, zu gucken, dass man sich die Leute ins Boot holt, die man dabei haben möchte, ein richtig starkes Team aufbaut. Die wenigsten verstehen, dass diese Verantwortung für Freiheit etwas ist, was genau bedacht werden muss. Und wenn man die Grundlagen gut legt, dann kann das richtig toll werden. Ich selber habe sowohl die Erfahrung im Positiven als auch im Negativen gemacht. Wenn man nämlich dann sieht, dass die Freiheit das Erste ist und wenn man denkt, man spielt da so ein bisschen und macht es nicht strategisch, dann kann das Ganze eben auch ziemlich nach hinten gehen. Und zwar genau dort, wo man es nicht denkt.
Ulrich Irnich:[35:04] Wenn wir so eine Art Ausblick wagen, im Kontext dessen, was wir heute so besprochen haben, was kann denn jede einzelne Person heute tun, aus deiner Sicht, um zukunftsfähig zu bleiben? Jetzt mal auch davon abgesehen, was man für einen technischen Hintergrund hat, sondern ganz allgemein gedacht, was ist da deine Sicht?
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[35:21] Erster Stelle unglaublich wichtig, Neugier zu trainieren, wie ein Muskel. Immer einfach offen zu bleiben, Fragen stellen, hinterfragen, dahinter gucken, Blick weiten. Andere Positionen einnehmen. Einmal täglich bewusst die Komfortzone verlassen. Ob man mit links die Zähne putzt oder die Straße wechselt. Ob man jemanden grüßt, den man irgendwie komisch findet. Oder wenn man denkt, der findet mich total albern, sich anders anzieht. Irgendwas, um die Komfortzone zu verlassen. Und sich mit Menschen zu umgeben, die größer denken als man selber. Denn ich denke, Zukunftsfähigkeit ist eben kein Wissen, sondern es ist ein Charakterzug. Und wir haben es in der Hand, ob wir diesen Charakterzug weiterentwickeln und ob wir ihn trainieren. Ich habe mal jemanden letztens gesprochen, der sagte, hör mal zu Annabelle, ich weiß, du bist anders. Für mich ist es wichtig, der große Frosch im kleinen Teich zu sein. Das reicht mir. Das mag so sein. Wenn wir ihn uns angucken, dann wissen wir, warum er das sagt. Und wir sehen aber auch, was es mit ihr macht. Das wäre nicht meins. Das ist nicht Zukunftsfähigkeit.
Ulrich Irnich:[36:30] Ich danke euch beiden für das Gespräch und wie immer an dieser Stelle wollen wir ein bisschen darauf schauen,
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[36:36] Was wir denn mitnehmen.
Ulrich Irnich:[36:36] Und traditionell macht der Uli immer den Anfang, das einmal zusammenzufassen.
Markus Kuckertz:[36:42] Ja, ich habe drei Dinge runtergeschrieben, die mich inspiriert haben und die ich so als Quintessenz auch so ein bisschen mitnehme, Annabelle. Das eine ist KI als Chance nutzen und damit logischerweise die Zukunft zu gestalten und was KI soll, wo es uns helfen soll, die Gestaltung haben wir jetzt. Nicht, wenn irgendwann mal KI losgelassen ist. Das heißt, Verantwortung zu übernehmen und das jetzt mitzugestalten ist Punkt Nummer eins. Punkt Nummer zwei, wenn wir über mentale
Markus Kuckertz:[37:15] Oder mentale Stabilität beziehungsweise psychologische Sicherheit sprechen, das ist eine Führungsaufgabe. Unternehmen müssen erkennen, dass sie da eine Verantwortung haben, den Raum zu schaffen, wo Menschen sich trauen, ihre Meinung zu sagen, weil das ist genau, was du eben gesagt hast.
Markus Kuckertz:[37:34] Guckt euch mal ein Meeting, eine Runde an, wo zehn Leute sind. Meistens sprechen drei, sieben sagen nichts. Und ich sage mal, die sieben, die nichts gesagt haben, ist eine fatale Chance, weil das sind sieben Ideen, die du nicht gehört hast. Die drei, die eigentlich immer sagen, die hörst du eigentlich immer. Also das ist, glaube ich, eine große Führungsaufgabe. Ich sage es einfach mal, die schlummernden Potenziale zu wecken und einen Raum zu schaffen, dass die logischerweise ausspeichern. Und das Dritte, was ich unbedingt als wesentliches Quintessenz mitgegen, Neugier, Zukunft, Muskel trainieren. Also immer wieder, ich sage mal, auch spielend, ja, sich aus der Komfortzone zu drücken, aber auch neue Perspektiven einzunehmen, bewusst halt mal mit ganz anderen Menschen zu tun zu haben, ja, und nicht halt immer in dem gleichen Kreis unterwegs zu sein, um halt damit logischerweise die wünschenswerte Zukunft auch anfangen mal für sich selber zu malen. Und ich finde, das ist etwas, das kann jeder, jeder, jeder tun, ja, und wie sieht denn deine Zukunft, Aus! Deine Wünschenswerte.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[38:46] Ich finde wichtig, dass wir nicht verlernen zu spielen, dass wir uns erinnern an unsere Anfänge und verstehen, dass es genau diese Anfänge sind, die uns fähig machen, die Welt nicht nur zu entdecken, zu erfahren, sondern sie auch zu gestalten. Denn wenn wir uns überlegen, wir kommen auf diese Welt und sind nackt, wir sind in einem fremden Ort, wir sehen diesen das erste Mal und wir können alleine uns weder fortbewegen, richtig, noch uns das Überleben sichern. Und was tun wir? Wir greifen. Wir greifen und erfahren. Wir erfahren unsere Umgebung so weit wie wir können. Wir schreien, wir rufen, wir drücken uns aus. Wir sind echt dabei und verdrängen das nicht, verstecken das nicht, trinken kein Alkohol deswegen und so weiter. Also die Kinder machen es uns vor, wie es geht. Wir müssen einfach nur mehr dahin gucken, spielerisch sein, sich trauen.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[39:43] Mutig sein, sich zusammentun, Hilfe holen, offen und ehrlich sein, die Scheuklappen runternehmen, Diskurse wieder wagen und klar haben, dass wir nicht vorankommen, wenn wir uns alle in den Schmusekurs verfolgen. Fallen in den ängstlichen Schmuse-Kurs. So, naja, du hast auch nicht irgendwie so das Gefühl, dass das alles so gut ist, aber traust dich auch nicht. Ja, damit werden wir uns nicht die Zukunft holen. Wir werden die Zukunft uns holen, wenn wir entschieden und klar und offen sind, auch daran, wie wir eben auf Fremdes zugehen, auf anderes zugehen. Wir werden dann die Zukunft gewinnen, wenn Vielfalt bei uns nicht um eine weitere Box erweitert wird, die wir bedienen, sondern wenn Vielfalt heißt, dass wir jeden so nehmen, wie er ist. Jeden, auch uns selber. Und wenn wir verstehen und anfangen, dass Rumkritisieren am anderen Energie aus Energiewaste ist und dass wir an allererster Stelle, wenn wir eine gute Führungsperson sein wollen, wenn wir Zukunft gestalten wollen, wir mit uns selber anfangen müssen, ganz genau mit uns selber und wenn wir uns an die Nase gefasst haben und da losgelegt haben und da das Gefühl haben, alles ist super, dann dürften wir auch mit dem Finger auf den anderen zeigen und dann ist die Energie in diese Richtung gut angewandt, vorher nein.
Ulrich Irnich:[40:54] Annabelle, vielen, vielen Dank für deine Zeit und dass du heute deine Perspektiven, deine Erfahrungen mit uns geteilt hast. Und danke, dass du unser Gast warst heute.
Prof. Dr. Anabel Ternès von Hattburg:[41:01] Sehr, sehr gerne. Es hat mir große Freude gemacht, hier mit euch beiden hier zu sein.
Ulrich Irnich:[41:06] Das war der Digital Pacemaker Podcast mit Prof. Dr. Annabelle Tannis von Hartburg. Folgt uns jetzt auf der Podcast-Plattform eurer Wahl und verpasst keine unserer Folgen. Viel Spaß und bis bald. Euer Uli und Marcin.



